Der Narr

In allen Kulturen gibt es Narren unterschiedlichster Färbung. In diesem Sinne ist der Narr oder Fool ein Archetyp.

 

In unserer Kultur diente er ursprünglich dem König. Er sollte unterhalten, lustig sein, strohdoof und gleichzeitig war er auch politischer Berater. Er sollte weise sein und die Wahrheit sehen, die der König nicht sehen konnte, da er in die Hierarchie am Hofe eingebunden war - der Narr nicht.

Somit gehörte der Narr zu den Außenseitern, die den besonderen Schutz des Königs genossen, es sei denn er wurde zu frech. Auch Narren konnten im Kerker landen.

 

Jetzt, in diesen modernen Zeiten, wo es keinen König mehr gibt, empfinde ich das Publikum als meinen König. Da ich Kerkergerüche als nicht so angenehm empfinde, schaue ich in meiner Narren- Performance schon hin und wieder, ob ich zu dolle auf eine Grenze getreten bin. Kann das Publikum mir noch folgen?

Der Narr tritt für sein Publikum natürlich in Fettnäpfchen, sagt, was "man" nicht sagt und tut, was "man" nicht tut. Er/Sie spiegelt menschliche Schwächen auf eine Art und Weise, dass das Publikum über sich selbst lachen kann oder berührt ist. Wenn das Publikum den Saal verlässt oder dicht macht, wirkt der Narrenspiegel natürlich nicht...:)

 

Im Folgenden beschreibe ich etwas persönlicher, wie ich den Archetyp Narr, nach nun fast 20 Jahren Narrentum sehe. Eine allgemeingültige Definition kann es meiner Meinung nach da nicht geben, sondern eben nur eine persönliche. Ich habe den Narren oder besser die Närrin als so was von persönlich erfahren, persönlicher geht es eigentlich gar nicht:

 

Der Fool (Narr) spielt ohne Maske.

Sein Symbol ist der Spiegel.

Er/Sie ist Nichts und kann deshalb für sein Publikum alles sein. Im Leben übrigens auch, sogar in der Stille.

 

Er/Sie repräsentiert die "Null". Aus meiner Sicht bedeutet das, "alles darf sein". In der Null gibt es keine Wertung, es gibt einfach nur "Sein" oder Spielmaterial. Der Narr spielt voller Freude mit der Angst, er spielt hoffnungsvoll mit der Depression, er ist mutig und unsicher, klar und chaotisch. Er kann revolutionär und anarchisch alle Grenzen und Gesetze überwinden. Genauso kann er in dem Gefängnis der Konventionen sitzen, leiden und dabei häkeln. Er kann respektvoll und demütig alle gesellschaftliche Moral bedienen, lieb und freundlich sein und gleichzeitig alles in Frage stellen.

 

 

Der Fool verbindet und verschmilzt die Gegensätze. Das Publikum kann dann völlig verwirrt sein, es stehen ihm die Haare zu Berge oder es bricht in schallendes Gelächter aus: Wo ist der rote Faden?

Was ist die Wahrheit?

Was ist richtig?

Was ist falsch?

Wo schaue ich in den Narrenspiegel und erkenne mich selbst? Kann ich darüber lachen? Rührt es mich zu Tränen oder schnaube ich vor Wut?

Ich kann selbst in meinen Narrenspiegel schauen und mich fragen, ob ich im Angesicht der guten und der schlechten Zeiten noch zu mir halte? An dieser Stelle hat Fooling für mich einen hohen Stelbsterfahrungswert, der das Leben echt leichter macht...

Das Publkium kann sich die Antworten nur selbst geben, indem es in den Narrenspiegel schaut und fühlt wo es sich erkennt.

Der Narr hofft natürlich auf Erkenntnisgewinn und gutes Entertainment, in seiner Macht liegt das jedoch nicht, sondern es ist die Wahl des Publikums, was es in seinem oder ihrem Spiegel sieht.

Ich finde das hochmodern und wissenschaftlich erwiesen :) . Wen das interessiert, der möge bei Google mal "Spiegelneuronen" eingeben und sich mit diesen Forschungen beschäftigen. Ich finde sie zum Teil sehr närrisch...:)

 

Der Narr agiert aus dem "Jetzt" heraus. Das kann ja auch nur so sein, da die Mischung des Publikums und die Auftrittsumstände nicht vorhersehbar sind. Nichst destotrotz finden wir im "Fooling" doch auch immer wieder Strukturen, die es dem Spieler erleichtern, sich so zu entspannen, dass er/sie dem spontanen Spielfluss oder Impuls folgen kann. Das darf meiner bescheidenen Meinung nach absolut sein, da dass "Jetzt" für viele Menschen sehr beängstigend ist (erstmal). Wenn der/die Spielerin dann Vertrauen gewinnt in die närrische Spielenergie, ist immer weniger Struktur notwendig und es entstehen wahre "Flow- Erfahrungen" (nur fliegen ist schöner:) - im Leben und auf der Bühne.

Somit ist das Narrenspiel auch ein Spiel in dem jede Kunstform sein darf, die Komödie,Tragödie, Tragikkomödie, Gesang Tanz, Stille, Sprechtheater, Pantomime...was immer aus dem "Jetzt" heraus erscheint...alles dient dem/der Narren/Närrin für sein/ihr Spiel.

 

Um es auf den Punkt zu bringen, hmm: ich empfinde den Narren/Närrin als einen anarchisch - dienenden, wertschätzenden, verspielten, humorvollen, kreativen Außenseiter/in mit Augengezwinker und Glöckchengebimmel.

 

Und an dieser Stelle kann ich nur sagen, dass dieser Archtyp mich unglaublich viel gelehrt hat in meinem Leben.

Ich bin heilfroh , dass es "Fooling" gibt, da mir in dieser wilden schillernden Narrenenrgie in der Alles, aber auch wirklich Alles möglich ist, sonst ganz schön schwindelig werden würde. In die Spieformen des "Fooling" einzutauchen ermöglicht für mich eine Erdung und eine Narrenfreiheit, die ich manchmal immer noch für unmöglich halte....

 

Aber wie sagt da jemand so schön in "Alice im Wunderland": "Ich glaube schon vor dem Frühstück an fünf unmögliche Dinge...!" :)